Erst im Alter von etwa 30 Jahren, nachdem ich das Leben als solches einigermaßen begriffen, die Funktionsweisen des menschlichen Miteinanders halbwegs durchschaut und die schlimmsten, mit dem Erwachsenwerden einhergehenden hormonellen Turbulenzen durchstanden hatte, entwickelte sich in mir eine eigene Welt- und Werteanschauung. Und erst, nachdem ich gelernt hatte, was ich schön und was unschön finde, was für mich wichtig ist und was komplett bedeutungslos, konnte ich auch mit politischen Aussagen und Versprechen etwas anfangen. Und so lauschte ich den Herren und vereinzelten Damen aus dem hohen Hause, beobachtete so manche Debatte in diesem und bestellte bei bestimmten Themen sogar die Sitzungsprotokolle, um diese in Ruhe zu studieren.
Nachdem ich auf diese Art und Weise über einige Jahre die Aussagen der einzelnen Parteien und ihrer Vertreter zu den unterschiedlichsten Themen gesehen, gelesen und miteinander verglichen hatte, mal zu diesem, mal zu jenem Thema, wurde immer deutlicher, dass es sich bei diesem ganzen, wohl sehr kostspieligen Prozedere im Wesentlichen um ein billiges Schmierentheater handelt, gemacht für die Medien, die Tagesschau, das HEUTE-Journal, die Bildzeitung, kurz: für die Galerie, zur Vorspiegelung falscher Tatsachen. In diesem ganzen überaus schlechten Schauspiel, in dem sich die zuhörenden MdBs gelangweilt in den Ohren rumstochern, vereinzelt die Füße baden, sich angeregt miteinander unterhalten und angeberisch durch die Reihen stolzieren, um „wichtige“ Unterlagen auszutauschen, geht es offensichtlich nur darum, dem dummen Volk vorzugaukeln, man sei ja überaus mit der Vertretung seiner Interessen beschäftigt. In Wirklichkeit wird in dieser, früher Bonner, jetzt Berliner Puppenkiste bei diesen Veranstaltungen nichts erarbeitet, nichts abgewogen und nichts entschieden. Dies alles ist vorher längst geschehen, oder geschieht nie.
Allerdings hätte einem aufmerksameren oder noch kritischeren Beobachter dies auch ohne das langwierige Zuhören, das Studieren der Protokolle auffallen können. Denn je nach anstehendem Thema war der Plenarsaal unterschiedlich stark besetzt. Und das hieß, etwas deutlicher ausgedrückt, dass ein medienwirksames, brisantes Thema mit großer gesellschaftlicher Aufmerksamkeit, mehr Abgeordnete in die blauen Sitzreihen lockten als sogenannte „Randthemen“. Wobei man immer noch über das „Warum“ streiten kann. Dazu gibt es nämlich auch mehrere Möglichkeiten. Zum einen könnte man ja der MdBs ein hohes Verantwortungsbewusstsein unterstellen. Für diese Annahme haben die Damen und die Herren aber schon lange vorher und gerne auch wiederholt und immer wieder Grund zu Zweifeln gegeben. Für meinen Teil hat die bisweilen stark schwankende Anteilnahme am Plenargeschehen eher was damit zu tun, ob man sich dabei ausreichend profilieren kann oder nicht, sprich: wie viele Fernsehzuschauer werden diese Debatte aufmerksam verfolgen.
Über mehrere Jahre hinweg bietet einem diese doch recht erbärmlich erscheinende Mischpoke noch zahlreiche weitere Gründe, an der Ernsthaftigkeit, oder, was noch schlimmer ist, an der Glaubwürdigkeit dieser Profilneurotiker zu zweifeln. So wird der langjährige Beobachter immer und immer wieder eines Phänomens gewahr, dass nämlich Vertreter einer bestimmten Partei, die einen Vorschlag einer anderen Partei zu einer bestimmten Problemlösung geradezu zerrissen, als dumm, nutzlos oder gar schädlich bezeichnet haben, bei einer späteren Debatte, meist, nachdem sich die Machtverhältnisse geändert haben, genau diesen Vorschlag einbringen und ihn als einzige, alternativlose Lösung anbiedern. Und diese Wechselspielchen, die nicht nur die Unglaubwürdigkeit aller Parteien belegt, sondern auch ihre generelle politische Kompetenz in Frage stellt, kommen fast so häufig, wie Bundes- oder Landtagswahlen.
Bei all diesen Beobachtungen und daraus resultierenden Erkenntnissen taucht zwangsläufig irgendwann im Kopf die Frage auf, wie diese meist doch recht erbarmungswürdigen Kreaturen überhaupt erst in diese Position gekommen sind. Und bei dieser Ursachensuche stößt man dann zwangsläufig auf das einzige Instrument der Volksmacht: die Wahlen.
Und selbst wenn nicht. Die Parteien unterscheiten sich ja nun wirklich nicht in ihrer Art Politik zu machen. Alle sind gleichermaßen gekauft, alle machen dieselbe Politik, an wirklich notwendige Reformen, die endlich mal Schluss machen würden mit der Vorteilsnahme auf den unterschiedlichsten Ebenen - Parteispenden, Diäten, als Aufwandsentschädigung getarnte Gagen für sogenannte „Beratungen“, die Liste ist lang - ist keine, aber auch wirklich keine Partei interessiert. Nicht SPD, nicht FDP, nicht Grüne und schon gar nicht die Scheinheiligen der CDU/CSU. Und, da muss man kein Prophet sein, um dies sagen zu können, die AfD wird das auch nicht sein. Also, was solls. Wirklich nachhaltig abstrafen kann der Wähler diese Gestalten nicht, denn leider schreiten auch zu viele, die von Politik keine Ahnung haben, ihr absolutes Desinteresse auch offen eingestehen, zur Urne und geben ihre Stimme, ja wem denn, „der Partei, die sie schon immer gewählt haben“. Diese Aussage habe ich in den letzten Jahren so oft hören müssen – sie dokumentiert und unterstreicht die Hilflosigkeit derer, die mit ihrem Votum tatsächlich etwas bewirken wollen. Und diese kleine Wählergruppe wird dann in den Medien mit einem leicht säuerlich-kritischen Unterton „Wechselwähler“ genannt.
Die Parteien dieses Landes können sich, und das ist die fürchterlichste aller Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte, auf die Einfalt der breiten Masse verlassen.
Betrachtet man weitere Elemente, die angeblich unsere Demokratie ausmachen und die die Macht des Volkes auch zwischen den Wahlen belegen sollen, sieht es nicht viel besser aus.
1. Der VolksentscheidVolksentscheide oder auch Volksbegehren gibt es in Deutschland nur auf Landes- bzw. Kommunalebene. Eine bundesweite Volksbefragung findet nur für den Fall einer Neuordnung der Bundesländer statt. In diesem Ausnahmefall ist sie allerdings Pflicht. Ansonsten hat der Bürger kein Mitspracherecht, wenn es um Sachthemen oder Gesetze geht.
Unsere Medien sind allesamt in der Hand der Reichsten in diesem Lande. Und da diese Schmarotzer am Volkskörper ebenso wenig Interesse daran haben, dass sich an den gegebenen Umständen grundlegendes ändert, können sich Abgeordnete und Minister darauf verlassen, dass die Meldungen, zumindest psychologisch, so aufbereitet werden, dass die meisten Bürger in ihrem Sinne entscheiden würden. Wir erinnern uns: die Einfalt der Masse.
An dieser Stelle darf allerdings ein Volksbegehren nicht unerwähnt bleiben, das wie selten zuvor die Macher in den verantwortlichen Ebenen, in diesem Fall der Hamburgischen Bürgerschaft, einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht hat: Das Bürgerschaftsreferendum 2015 über die Bewerbung Hamburgs für die Olympischen Spiele 2036, 20240, 2044. Hierbei entschieden die Bürger Hamburgs mehrheitlich gegen eine Bewerbung ihrer Heimatstadt als Durchführungsort für die olympischen Spiele, und das, obwohl man auch bei diesem Refe-rendum im Vorfeld nicht gerade sparsam mit Tricks und Halbwahrheiten versuchte, eine Pro-Stimmung zu verbreiten. Ähnliches wiederholte sich bei einem weiteren Referendum zu diesem Thema im Jahr 2026. Hierbei war gerade die Partei, die sich selbst als die einzig wahren Demokraten sehen, bestrebt, dem Referendum einen Unverbindlichkeitsstatus zuzuschreiben. Mit anderen Worten: wird es ein Ja zu Olympia kann man sich stolz in die Brust werfen und darüber hinaus, für den Fall eines wie auch immer gearteten Debakels bei oder durch die Olympiade, die Schuld auf die Aufforderung der Bürger zur Durchführung der Veranstaltung abwälzen. Weiterhin sollten im Vorfeld zu diesem Referendum die Bürger mittels einer Abstimmungsbroschüre auf Kurs Olympia gebracht werden, in welcher nur sehr einseitig über die Vorteile einer Durchführung der Olympischen und Paralympischen Spiele in Hamburg berichtet wurde. Erst eine Sammlung von Unterstützungsbekundungen der Initiative NOlympia bewirkte, dass eine Stellungnahme der Initiative in diese Broschüre mit aufgenommen werden musste. Hier wird bestätigt, was im Abschnitt „Unsere Medien …“ bereits zur Sprache kam. Alles in Allem jedoch blieben alle Täuschungen, unwahren und halbwahren Behauptungen der Olympia-Befürworter erfolglos. 2015 stimmten ca. 52 % gegen die Bewerbung und 49 % dafür, 2026 waren es sogar 55%-Gegenstimmen und nur etwa 44 % dafür. Es geht also tatsächlich. Aber es waren, sind und bleiben vermutlich Einzelfälle, in welchen das Volk an einer Entscheidung mit hoher Tragweite beteiligt wurde.
2. Boykotte oder gezieltes KaufverhaltenUm einen wirkungsvollen Boykott, beispielsweise eines schädlichen Produktes, auf die Beine zu stellen, bedarf es intensiver Vorbereitung auf breiter Fläche. Hierzu gehört auch eine gute Vernetzung der Aktivisten, eine stattliche Zahl an Mitmachern und nicht zuletzt eine wohlmeinende Presse. Wie bereits unter Punkt 1 festgestellt, sind Presse und all die anderen Medien im Besitz der Reichen. Und diese werden sich mit Sicherheit nicht zum Sprachrohr von Bürgern machen lassen, die im Begriff sind, den Geldfluss in ihre Taschen zu bremsen. Ein probates Mittel dieser Medienorgane ist zunächst das Ignorieren solcher „Aufwiegler“. Diese sehr beliebte Methode der „Meinungsbildung“ führte in der Vergangenheit nicht selten zu einer abgrundtiefen Verzweiflung der Aktivisten, und diese dann wiederum zu Aktivitäten, welche die Medien nicht mehr totschweigen konnten, die dann allerdings dazu genutzt wurden, die gesamte Protestbewegung zu diskreditieren. Bei den öffentlich-rechtlichen Medien sieht es auch nicht viel besser aus. Diese gehören zwar dem Staat, aber damit nicht, wie man uns glauben machen möchte, uns allen, sondern – da ist es wieder – den Damen und Herren, denen wir dummerweise vertraut haben und die wir aufgrund dessen mit unserer Vertretung beauftragt haben. Die Vorgehensweisen dieser Informationsmedien unterscheidet sich im Wesentlichen nicht sonderlich von dem der privaten Anbieter. Kritische Berichte werden hier zwar häufiger ausgestrahlt als in den privaten Anstalten, gerne allerdings zu Sendezeiten, in welchen der arbeitende Bürger längst im Bett liegen muss, also unter der Woche nach 23.00 Uhr. Wo sich eine Nachricht, aus welchen Gründen auch immer, nicht in den toten Winkel der breiten Masse schieben lässt, wird diese Information mit psychologischen Tricks so gestaltet, dass keine umfangreiche Sympathiebewegung entstehen kann. Ein Beispiel gefällig? Nehmen wir an, einer Gruppe von Umweltaktivisten ist es gelungen, auf friedlichem Wege und in großem Stil eine giftspeiende Fabrik zu blockieren. Die öffentlichen Rundfunkanstalten können nicht umhin, darüber zu berichten, weil beispielsweise der Ort des Geschehens von zahlreichen Menschen tangiert wird, und das Wissen über diese Aktion sich zu weit von allein verbreitet hat.
Sicher gab es in unserer schönen Republik eine Zeit, in der gut organisierte und vor allem groß angelegte Demonstrationen unseren ungekrönten Häuptern Kopfzerbrechen und möglicherweise sogar etwas Bauchschmerzen bescherten. Gegen diese Form des lästigen Aufbegehrens hat man aber ziemlich schnell einfache und wirkungsvolle Gegenmittel gefunden. Zum einen waren dies nicht selten Polizisten in Demonstranten-Outfit, meist noch vermummt, die dann Gewalttätigkeiten schürten, damit ihre Dienstherren behaupten konnten, in unserem schönen Land sei alles in bester Ordnung, die Demonstranten keine Demonstranten, sondern Chaoten, die nur auf Randale aus seien. Ansonsten war den Damen und Herren auch in diesem Fall jedes Mittel recht, die Protestler zu diskreditieren und unglaubwürdig zu machen, oder sie mittels Filmaufnahmen einer Verfolgung auszusetzen, die zwar meist schnell wieder beendet wurde, der betreffenden Person aber nicht selten den Job oder doch zumindest den guten Ruf kostete. Und das war auch der Sinn solcher Aktionen – den Leuten Angst davor machen, sich an solchen Veranstaltungen zu beteiligen. Was allerdings in den letzten Jahren immer häufiger zu beobachten ist, sind Politiker, die sich an den Demonstrationen beteiligen. Diese Form des Zynismus sucht ihresgleichen und führt nur zu einer weiteren Vertiefung der Kluft zwischen Regierenden und dem Volk. Damit der Streik in unserem Land nicht die Potenz zur Umgestaltung politischer Gegebenheiten erlangt, wurden dieser Waffe der Demokratie ebenfalls die Zähne gezogen. Generalstreik, also ein Streik gegen politische Missstände, ist grundsätzlich verboten und der Wirkungsgrad der Arbeitskämpfe für Gehalt und Arbeitsrecht kann an den Ergebnissen der letzten Jahre abgelesen werden: die Arbeitsrechte werden mehr und mehr eingeschmolzen und das Realeinkommen ist in den letzten 30 Jahren in Deutschland um fast 30 % gesunken (während Politikerdiäten im selben Zeitraum um mehr als 100 % gestiegen sind). Dies mag unter anderem auch daran liegen, dass auch Gewerkschaften den Gesetzen der kapitalistischen Marktwirtschaft unterliegen und deshalb jeder Streik mit zunehmender Dauer die Einkommen der meist nicht am Hungertuch nagenden Gewerkschaftsbosse zunehmend gefährdet.
4. PetitionenPetitionen, also eine Art Antrag zur Änderung bestimmter Sachverhalte an den Bundestag müssen, wenn sie über eine bestimmte Unterstützerzahl verfügen, im Ausschuss beraten werden. Bei der bei uns vorherrschenden dauerhaften „SPD-CDU-CSU-FDP-Grünen-Einheitspartei“ – Volker Pispers meinte in einem seiner Programme, „selbst in der SED wurde mehr gestritten“ – ist es allerdings immer noch eher unwahrscheinlich, dass das Erreichen des Petitionsausschusses mit einem Erfolg einer solchen Einbringung gleich zu setzen ist. Denn schlussendlich bestimmen die, deren bisherige Handlungen und Vorgehensweisen in einer bestimmten Angelegenheit kritisiert wird, ob sie der Kritik zustimmen oder nicht. Und wer schon einmal mit der Arroganz und Überheblichkeit der sogenannten Volksvertreter in Berührung kam weiß, dass sich die meisten von ihnen für unfehlbar halten und auch konstruktiver Kritik gegenüber nicht sonderlich empfänglich zeigen. Dies umso mehr, wenn sich eine Petition beispielsweise in irgendeiner Weise mit der Selbstbedienungsmentalität der Abgeordneten befasst.
5. Gerichtsklagen
In unserem Land sind alle gleich, nur einige sind gleicher; und die sind auch ein bisschen reicher.
Rein theoretisch, aber wirklich nur theoretisch, können Bürger vor Gerichten bis hin zum Bundesverfassungsgericht Gesetze der Regierung kippen, wenn diese gegen die Verfassung verstoßen. Lassen wir mal die Tatsache, dass die unselige Geschlossenheit der deutschen Vielparteienlandschaft im für sie schlimmsten Fall geschlossen störende Artikel in der Verfassung zurechtbiegen, mit sinnaufhebenden Ergänzungen versehen oder gar ganz abschaffen können (was auch schon geschehen ist), völlig außer Acht, dann kann sich doch kein einfacher Arbeiter, mit oder ohne Familie, den Gang vor das Bundesverfassungsgericht leisten. Die Kosten für ein solches Unterfangen liegen im 5stelligen €uro-Bereich (Anwaltskosten), auch oder vor allem deshalb, weil ein Gang vor diese höchste Gerichtsbarkeit hierzulande den steinigen Weg durch die untergeordneten Gerichte vorschreibt. Und erst wenn alle anderen Instanzen der Klage nicht gerecht werden wollen, ist die Anrufung des Verfassungsgerichts statthaft. Den Atem für einen solchen Marathon haben, na, wer wohl, bestenfalls die Geldsäcke unserer Gesellschaft. Das führt zu einer paradoxen Situation: Das Recht steht zwar jedem theoretisch zu, aber praktisch nutzt es vor allem denjenigen, die es sich leisten können – das Prinzip der finanziellen Asymmetrie setzt sich im Gerichtssaal fort.
Womit wir ganz automatisch beim nächsten Dilemma in unserer Demokratie angekommen wären: dem Einfluss der superreichen Minderheit auf Regierungen und Parteien. Während es dem Volk genügen muss, alle 1460 Tage zur Wahlurne zu schreiten, seine Stimmen über die Kandidaten zu verstreuen und dann brav mit gesenktem Haupt wieder in die Alltagsreihen zurückzutreten, bleibt es ein Privileg der Reichen, sich ständig und bei jeder sich bietenden Gelegenheit, um die hohen Damen und Herren herumzutreiben.
Ich habe innerhalb einer Diskussion einmal den Vergleich unserer Demokratie mit einem Haus angestrengt. In diesem Vergleich habe ich festgestellt, dass man im Jahr 1949 eine Verfassung geschaffen hat, die ich mit einem Haus im Rohbau verglichen habe. Angesichts der gewaltigen Aufgabe, welche die Schaffung einer neuen Demokratie in sich trägt, war und ist diese „Roherstellung“ durchaus legitim. Weiterhin habe ich dann bemerkt, dass man es sich seit dieser Zeit seitens der Politik in diesem Rohbau gemütlich gemacht hat, weil er in seiner Unvollkommenheit sehr viele Annehmlichkeiten für Politiker und Parteien bereit hält.
Eine politikwissenschaftliche Theorie zur „Postdemokratie“ (geprägt von Colin Crouch) besagt, dass die formellen Institutionen der Demokratie – Wahlen, Gerichte, Parlamente – zwar alle existieren, die echten Entscheidungen aber hinter verschlossenen Türen zwischen politischen Eliten und Wirtschaftsverbänden ausgehandelt werden.
Quelle: Colin Crouch-"Postdemokratie"
Dabei gab es tatsächlich historische Momente, in welchen die Vollendung dieser Verfassung, bzw. die Korrektur von Fehlern und Ungerechtigkeiten in derselben möglich gewesen wären, was aber bewusst abgelehnt wurde. Einer dieser Momente wurde von den mutigen Bürgern der ehemaligen DDR ermöglicht, als diese in schier unglaublicher Ruhe und Friedlichkeit das DDR-Regime zu Fall gebracht hatten. So besagte bis zu diesem Zeitpunkt der letzte Artikel des Grundgesetzes (146), dass das Grundgesetz seine Gültigkeit verliert, wenn das deutsche Volk in freier Entscheidung eine neue Verfassung beschließt. Dieser Artikel wurde im Hinblick auf eine mögliche Wiedervereinigung geschaffen und sollte eine Möglichkeit bilden, die neue Bürgerschaft in ihrer Gesamtheit an der Erstellung einer gemeinsamen Verfassung zu beteiligen. Diese Chance wurde 1990 dann mit der Absicht übergangen, eine große nationale Debatte über mehr direkte Demokratie oder soziale Grundrechte auf Bundesebene zu verhindern.
Artikel 146 GG: Wortlaut der alten Fassung (1949 bis 1990) „Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“
Quelle: Grundgesetz
Artikel 146 GG: Wortlaut der neuen (1990) „Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen wor-den ist.“„Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“
Quelle: Grundgesetz
Zu guter Letzt sei noch kurz auf eine aktuelle Sache eingegangen, welche einen weiteren Beleg für die fortwährenden Entdemokratisierungsbemühungen zumindest der CDU/CSU bilden: das Informationsfreiheitsgesetz. Dieses Gesetz hat bisher dafür gesorgt, dass unlautere, unmoralische oder gar kriminelle Aktivitäten der Bundesregierung oder ihr angehöriger Personen ans Licht gekommen sind. Hierzu gehören Skandale wie das Maut-Desaster oder die Maskendeals. Um sich solche Skandale und aus ihnen resultierende Folgen für die Beteiligten in Zukunft zu ersparen, hat man sich also dazu entschlossen, auch dieses Recht massiv einzuschränken. Dass hierbei mal wieder die Christ-Demokraten und die Christ-Sozialen eine Vorreiterrolle spielen, kann eigentlich niemand mehr wirklich verwundern. Das tatsächliche Ausmaß an geplanten Beschneidungen sickert erst nach und nach durch. So geht aus Recherchen des MDR hervor, dass das Bundesinnenministerium den Beauftragten für das Informationsfreiheitsgesetz abschaffen will. In diesem Zusammenhang schlagen die Beamten aus dem BMI vor, den Paragrafen 12 des IFG zu streichen und das entsprechende Referat bei dem Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit aufzulösen. Damit würde die zentrale Kontrollinstanz für das IFG wegfallen, denn der Bundesbeauftragte ist jene Instanz, die bisher angerufen werden konnte, wenn man seine Rechte nach dem IFG verletzt sah. Darüber hinaus möchte das BMI offenbar auch die bisher geltenden Rechte von Abgeordneten und Journalisten massiv einschränken. So findet man im Reform-Programm des Koalitions-ausschusses folgenden Eintrag: "Wir wollen die Auskunftsrechte künftig auf natürliche Personen fokussieren, die ein berechtigtes Interesse an einer Auskunft haben und diese nicht durch andere Regelungen erreichen können."
Ich schreib für die, die zwischen allen Stühlen und ohne jeden Trost ihr Leben packen, die Greifer, die in allen Tiefen wühlen und ab und zu genießerisch in sich versacken. Ich schreib, verdammt nochmal, nicht um zu heilen, Propheten hat's schon viel zu viel gegeben. Ich möchte tauchen, taumeln und verweilen, nicht glücklich werden, sondern LEBEN! Den Krämern Kampf, ich will mich spüren, wir sind nicht für das Nichts gemacht. Ich schreib für die, die nie verführen und für den Aderlaß der Macht. Konstantin Wecker