Bereits im April 2017 kündigte die beste Lebensgefährtin von allen an, dass möglicherweise bald ein Vierbeiner Teil unserer kleinen Familie werden würde. Und obwohl sich zu dieser Zeit mein Hauptlebensraum etwa 650 Kilometer von dem ihrigen entfernt befand, riet ich ihr seinerzeit dringlichst von diesem Vorhaben ab; dies besonders unter der Prämisse, dass diese Trennung eine vorübergehende sein sollte und eine Wiedervereinigung in wenigen Jahren erfolgen sollte (siehe hierzu auch hier). Doch weder meine Ratschläge noch mein Bitten, von dieser Idee Abstand zu nehmen, hatten genug Gewicht, um sie davon abzuhalten, und so bin ich nun, 7 Jahre später, "Herrchen" eines kleinen und absolut liebenswerten Bolonka Zwetna.
Weshalb aber meine anfängliche Weigerung? Ganz einfach: ich bin kein Typ "Herrchen". Dies bedeutet, dass ich mich nicht in der Lage sehe, einem kleinen und niedlichen Zeitgenossen ein Herrchen im üblichen Sinne des Wortes zu sein. Meine Rolle in dieser Zweisamkeit sehe ich eher in der eines Freundes, eines Kumpels, für den Treue und Respekt keine Einbahnstraßen sind. In einer solchen Gemeinsamkeit kann ich nur einen Sinn erkennen, wenn der kleine Racker den Platz eines vollwertigen Familienmitgliedes einnehmen kann. Jetzt höre ich sie aufstöhnen, die Vorzeige-Herrchen unserer Gesellschaft, die "Sitz-, Platz-, Bei-Fuß-, Fass- und Aus-Brüller". "Ein Hund hat zu gehorchen, und sonst gar nichts!" Solche, ähnliche und noch derbere Rollendefinitionen eines Miteinanders von Hund und Mensch wurden mir bereits angetragen und so mancher meinte, nachdem er mich heimlich bei einer der zahlreichen Runden beobachtet hatte, ich mache mich zum Gespött, indem ich dem Kleinen ein "Mitspracherecht" über die einzuschlagende Richtung unseres Spazierganges einräume.
In meiner Philosophie jedoch ist es meine Aufgabe, dem Freund auf vier Pfoten genau das Maß an Respekt entgegenzubringen, welches ich von ihm auch erwarte. Und das funktioniert! Ein Geschöpf, welches in einer Welt zurechtkommen muss, wo nichts außer dem zugestandenen Schlafplatz und eine entsprechende Futterstelle auf seine anatomischen Möglichkeiten abgestimmt ist, muss sich in den begrenzten Zeitspannen, die wir gerne "ich geh mal eben mit dem Hund" nennen, ausleben können. Und dazu gehört, dass er wenigstens in diesen beschränkten Zeiten ganz seiner Nase nach gehen kann, dass er den Düften und Geräuschen folgen, auch mal wühlen und suchen und, was unser kleiner Dusty besonders gerne und herzerweichend macht, mit einem zwar zurückhaltenden aber nichts desto trotz deutlichen Laut dem von mir gewählten Weg "widersprechen" darf. Er muss gehorchen, ja, das schon. Aber die Erwartung des bedingungslosen Gehorsams ist nur da angebracht und berechtigt, wo es um die Sicherheit aller Beteiligten geht, z.B. im Straßenverkehr. Und das geht auch dann, wenn man dem Tier in allen übrigen Zeiten seinen eigenen Willen lässt.
Diese offensichtlich deutlich von der Norm abweichende Denkweise und damit immer auch Umgangsform mit dem kleinen Vierbeiner war aber nur einer der Gründe, mich anfangs gegen den Lütten auszusprechen.
Aus leidvollen Erfahrungen heraus ist mir eine Schwäche von mir sehr gut bekannt, die sich in einer mangelhaft ausgeprägten Abgrenzungsfähigkeit meinen Schützlingen, ob nun tierischer oder menschlicher Natur, gegenüber zeigt. Wird einem solchen Zeitgenossen irgendein Leid zugefügt, leide ich genauso mit; ist ein solches mir nahestehendes Wesen traurig, werde ich es auch, und wird es von Ängsten gequält muss ich eingreifen, trösten, beruhigen und, wo immer möglich, die Ursachen der Angst beseitigen.
Diese ureigene Einstellung zu einem Miteinander von Mensch und Hund führt mich nicht nur immer wieder in innere Konflikte, sondern leider auch, nicht eben wesentlich seltener, zu Uneinigkeiten und Diskussionen zwischen mir und dem "Frauchen".
Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich ihn, den Freund an meiner Seite, nicht mehr missen und sein Mut, seine Tapferkeit, seine überschwängliche Freude, die sich immer wieder bei einer Heimkehr, etwa nach ganztägiger Abwesenheit, in einem nicht enden wollenden Jubellauf durch die Wohnung entlädt, stellen mich in meiner vergleichsweise emotionalen Armseligkeit richtig bloß. Im Zuge dieser überschäumenden Freude wendet er sich dann immer wieder an sein "Frauchen", setzt sich vor sie hin, ganz so, als könne er es beim besten Willen nicht verstehen, weshalb sie sich nicht an seinem Freudentanz beteiligt. Dabei sei in diesem Zusammenhang auch erwähnt, dass der Kleene niemals für einen vollen Tag allein gelassen wird. In Sachen "Alleinlassen" haben wir Zweibeiner uns darauf verständigt, dass Dusty, wenn es gar nicht anders organisiert werden kann, höchstens für etwa 3 Stunden ohne Rudel aushalten muss.
Eine weitere signifikante Änderung in meinem Leben hat sich aus meinem Wissen ob des ausgeprägt guten Gehörsinns eines Hundes ergeben: früher hatte ich gerne mal für eine oder zwei Stunden die Soundanlage aufgedreht und mich mit dieser Hilfsdröhnung der Hausarbeiten angenommen. Die Hausarbeiten finden notwendigerweise noch immer, jedoch, vom Brummen eventuell eingesetzter Geräte abgesehen, in völliger Stille statt. Auch gibt es in unserem Haushalt keine Dauerbeschallung durch Radio, Fernseher oder Musikanlage. Diese Errungenschaften menschlichen Strebens erfüllen bei uns fast ausschließlich die Aufgabe des Staubfangens. Nur wenn der Kleene für seine Gassi-Runden vom Gassi-Service abgeholt wird, was drei Mal pro Woche der Fall ist, erlaube ich mir ab und an, den Feudel oder den Staubsauger im von den Lautsprecherboxen vorgegebenen Rhythmus durch die Wohnung zu treiben. Allerdings immer darauf bedacht, mit den Arbeiten spätestens bis zum Wiedereintreffen des Freundes fertig zu sein. Gelingt dies nicht, finden alle noch nicht beendeten Arbeiten wie gewohnt in behaglicher Stille ihren Abschluss.
Solche Einschränkungen nehmen wir beide gerne in Kauf. Und selbst auf die Gefahr hin, dass der nächste Satz abgedroschen oder reißerisch klingt, muss es gesagt werden: Der Kleene belohnt uns reichlich für unsere Art des Umgangs mit ihm. Allein seine Kreativität bei der Suche nach Möglichkeiten, uns seine Wünsche zu übermitteln zeigt, welches Potential in einem ungebrochenen Hundeköpfchen steckt.
Dusty bestimmt einen großen Teil unseres, oder besser, meines Tagesablaufes, da ich den ganzen Tag zu Hause bin. Dass ein vierbeiniger Lebensgefährte mehr Zeit beansprucht als man sich das vielleicht bei den ersten Anschaffungsüberlegungen vorstellt, überrascht sehr viele Hundebesitzer. Dies führt dann nicht selten zu Frust, der dann wiederum zu entsprechendem Umgang mit dem armen Tier führt. Leider finden sich diese Geschöpfe dann nicht selten in einem Tierheim wieder. Unser kleiner Freund allerdings hat neben wundervollen Ideen, meine Aufmerksamkeit zu erregen, auch glücklicherweise ein ausgeprägtes Ruhebedürfnis. Darüber hinaus legt er gewisse Rituale fest, wie gewisse wiederkehrende Ereignisse abzulaufen haben. Hier ein paar Beispiele: Wecken findet in aller Regel zwischen 6:30 Uhr und 8:00 Uhr statt, wobei es meist ein Vorgang in zwei Stufen ist. In der ersten Stufe kommt der Kleene über eine eigens dafür angeschaffte Hundetreppe in das leerstehende Nebenbett und starrt mich an. Allerdings wird seine Geduld dabei kaum auf eine große Probe gestellt, da ich sehr oft schon seine Vorbereitungsgeräusche - zum Beispiel das tiefe Brummen, welches entsteht, wenn der Kleene sich ordentlich schüttelt - wahrnehme. Auf diese Weise also erhalte ich den ersten Morgenkuss, in welchem im Wesentlichen die Botschaft liegt, dass er sich jetzt noch etwas am Fußende des Nebenbettes ablegt, mich aber demnächst zum Aufstehen auffordern wird. Der "Sprung-auf-marsch-marsch-Befehl" folgt dann meist nach weiteren 45 bis 60 Minuten. Und dann ist auch Schluß mit Lustig, denn dann heißt es Aufstehen und Fertigmachen für die Morgenrunde. Modifikationen an diesem (oder auch jedem anderen) Ablauf liegen ausschließlich im Ermessen unseres Beschützers, und nur er kann bestimmen, ob die eine oder andere Stufe oder auch gesamte Vorgehensweise ausgesetzt oder geändert wird.
Beispiel 2 - Nahrungsaufnahme: Zahlreiche Versuche waren erforderlich, um die richtige Nahrung für den kleinen Dusty zu finden, und das sowohl in der Frage des "Was", des "Wie" und natürlich auch des "Wann". Ich gehe hier nicht näher auf die unterschiedlichen Versuche ein, denn das würde den hier gebotenen Rahmen sprengen. Es sei kurz erwähnt, dass sowohl "BARF", als auch selbstgefertigte Mischungen aus Rohfleisch und Gemüse dabei waren, und dass es für uns zunächst keine Option war, auf Trockenfutter umzusteigen. Doch das eine ist, was wir uns denken und planen, das andere, was Dusty final dazu "sagt"! Heute bieten wir dem Kleinen eine Mischung von zwei verschiedenen Sorten Halbtrockenfutter von PLATINUM an, welches er nun seit mehreren Jahren ganz gern nimmt. Als Leckerli, oder als Belohnung, bekommt er diverse "Snacks" der Firma NATURAVETAL, unter anderem getrockneter Lammpansen, getrocknete Rindfleischstücke oder auch Würfel aus getrockneter Rinderlunge. Damit war endlich und zu unserer großen Freude das "Was" geklärt; geblieben waren die Fragen "Wie" und "Wann". Denn mit dem einfachen Hinstellen eines Napfes mit entsprechendem Inhalt ist dies bei unserem Feinschmecker nicht getan. Eher durch Zufall entdeckte ich die Möglichkeit, die Trockenfutterstücke auf die Spaziergänge mitzunehmen, und da es sich, wie bereits erwähnt, bei Dusty nicht um einen großen Hund handelt, stellte uns diese Möglichkeit auch nicht gerade vor eine logistische Herausforderung. So stellte sich nun heraus, dass unser Kleener Wert auf eine Verköstigung nach Alter-Väter-Sitte legt, also dort, wo die Beschaffung üblicherweise vonstattengeht, wird auch gespeist. Die Beschaffung allerdings legt er dann doch vertrauensvoll in unsere Hände. Das "Wann" fanden wir durch genaue Beobachtung unseres Wegbegleiters heraus. Während des Spazierganges, davon habe ich weiter oben berichtet, macht sich unser Dusty des Öfteren akustisch bemerkbar. Tatsächlich hatten wir am Anfang Schwierigkeiten herauszufinden, was er denn will. Irgendwann konnten wir anhand seiner Körperhaltung während des Bellens verschiedene Ziele zuordnen: Bellen und Absitzen bedeutet "Nicht da lang", Bellen und auffälliges Maulschlecken "Es kann serviert werden".
Zum Schluss noch ein letztes Beispiel für den Erfindungsreichtum unseres Kleenen: Wenn ich am Schreibtisch sitze und arbeite, gibt es für Dusty keine Möglichkeit, seinen magischen Stalker-Blick so in Szene zu setzen, dass ich ihn nicht übersehen kann. Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, bis er darauf gekommen ist, dass in diesem speziellen Fall der Blick einer akustischen Erweiterung bedarf. Jedenfalls habe ich irgendwann hinter mir kurze Brummlaute wahrgenommen, die im Abstand von 20 bis 30 Sekunden wiederholt wurden. Ein kurzer Blick über die Schulter bot mir dann das Bild eines kleinen Hundes, die Augen fordernd auf mich gerichtet, die Ohren wachsam gestellt. Mein Typ war gefragt!
Das ist Dusty, das sind wir und auf die hier niedergeschriebene Weise gelingt uns dann doch ein recht harmonisches und gleichzeitig spannendes, manchmal auch sehr lustiges Zusammenleben.
Von den Zeitgenossen in der freien Wildbahn schon zeitlebens fasziniert, habe ich mich insgeheim immer nach einer Möglichkeit gesehnt, diesen Wesen mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit und mehr bewusstes Zusammenleben zukommen zu lassen. Diesem heimlichen Sehnen stand allerdings ein Lebenswandel gegenüber, welcher sich der Wahrwerdung solcher Träume unüberwindbar entgegenstellte. Dieser Lebenswandel ließ weder Raum noch Zeit, sich Gedanken über die Realisierung, das "Wie" und "Wo", zu machen, geschweige denn, entsprechende Maßnahmen in die Tat umzusetzen.
Nun aber, in meinem letzten Lebensabschnitt angekommen, viele nennen ihn seltsamerweise "Ruhestand", fand ich Zeit und Muse, die Sedimentschicht der beruflichen Alltagssorgen von meinen verborgenen Lebenswünschen abzutragen und mich den heimlichen Sehnsüchten zuzuwenden. Und wenn auch mit dem Erreichen des Rentenalters sowohl die natürliche Beweglichkeit als auch die jugendliche Abenteuerlust deutlich nachgelassen haben - allein der Gedanke, mehrere Nächte auf einem harten Zeltboden in einem Schlafsack zu schlafen löst in mir eine Flut von Bedenken in Hinsicht meiner Leidensfähigkeit aus - so waren die früheren Wünsche doch noch lebendig genug, um sich auf die Suche nach einem Weg zu machen, wenigstens einen kleinen Teil dieser Wünsche wahr werden zu lassen.
Im Winter 25/26 kam ich dann auf die Idee, wenigstens einen Teil der natürlichen Fauna so nahe an mich heranzuholen, dass ich sie beobachten kann. Dies geschah mithilfe eines ebenso einfachen wie wirkungsvollen Hilfsmittels - einem Vogelfutterhaus. Und weil ich auf sehr viel Zulauf hoffte, sollte es auch gleich etwas Größeres sein. Und ja, ich weiß, dass die Fütterung von Wildvögeln sehr umstritten ist. Manche behaupten, man würde die Tiere menschenabhängig machen, so dass sie in freier Wildbahn sich selbst überlassen nicht mehr überleben könnten. Ich bin da allerdings anderer Ansicht: Wir Menschen haben den Vögeln ebenso wie den anderen Wildtieren soviel Lebensraum "gestohlen", und was wir an Ländereien nicht selbst mit Beschlag belegt haben, das haben wir unseren Einflüssen unterworfen, sei es durch Umweltgifte, durch großflächige Entwässerung oder wie auch immer. Und so haben wir eben den Tieren in unseren Wäldern, Feldern und Wiesen in umfangreichem Maße Nahrungs- und Nistgelegenheiten geraubt; ich denke sicher, dass die Tiere alle ohne die Einflüsse des Menschen besser dran wären - aber auch ohne die lebenserschwerenden. Da kann doch eine kleine Wiedergutmachung sooo schädlich nicht sein, denke ich.
Wie dem auch sei. Ich habe jedenfalls diesen Prachtbau so auf dem Geländer unseres Balkons befestigt, dass ich von verschiedenen Plätzen meiner Wohnung einen guten Blick auf das Vogelhaus hatte. Und weil ich trotz dieser mannigfaltigen Beobachtungsmöglichkeiten dass Gefühl nicht loswurde, etwas wesentliches zu verpassen, besorgte ich mir eine Wildkamera und installierte diese in der Nähe der Futterstelle. Nun galt es noch, sich über die richtige Zusammensetzung des Dargereichten zu informieren. Und da es auch zu dieser Thematik sehr widersprüchliche Informationen gab, entschied ich mich für ein Streufutter mit allen möglichen Komponenten: Sonnenblumenkerne, Haselnüsse, Haferflocken, getrocknete Larven und der gleichen mehr.
Und nun konnte ich nicht nur einen Einblick über das Vorkommen der unterschiedlichsten Arten hierzulande gewinnen, sondern auch darüber hinaus Beobachtungen über die verschiednenen und sehr interessanten Verhaltensweisen machen, denn mein "Fly-Through-Restaurant" erfreute sich vom ersten Tag an größter Beliebtheit.
Im Folgenden werde ich ein paar der nettesten, aufschlußreichsten und oder witzigsten Aufnahmen platzieren. Ich hoffe, ihr habt viel Spaß beim Betrachten.
Die am häufigsten zu beobachtende Art war die Kohlmeise, die zweithäufigste die Blaumeise (Video 1). Während die Kohlmeise das Angebot ohne zögern und wie selbstverständlich annahm, in wahren Scharen sie über das Futter herfielen, musste die weitaus schüchternere Blaumeise oft eine lange Wartezeit erdulden, ehe auch sie es sich gut gehen lassen konnte. Als noch schreckhafter als die Blaumeise hat sich das Rotkehlchen herausgestellt (Video 2). In unmittelbarer Nähe des Futterhauses sieht man diesen scheuen Vogel nur, wenn von den Rabauken weit und breit nichts zu sehen ist. Deren Erscheinen veranlasst das Rotkehlchen, sofort auf Distanz zu gehen. Direkt am Futterhaus sieht man den scheuen Vogel meist in der Morgendämmerung, wenn die hektische Kohlmeisenschar noch "in den Federn" liegt.
In der Aufnahme links sieht es so aus, als freue er sich riesig, das Vogelhaus verlassen vorzufinden; so oder so ähnlich könnte man den Luftsprung interpretieren, den der kleine Geselle nach seinem Eintreffen macht. Und dann kommen sie auch schon wieder und verderben unserem stillen Genossen das Frühstück.
Nun ist es allerdings so, dass die Kohlmeisen vermutlich gar nichts gegen das Rotkehlchen haben. Sie sind dem Rotkehlchen nur deutlich zu ungestüm, vermutlich benehmen sie sich auch noch, für Menschenaugen unerkennbar, rüpelhaft, so dass es das Rotkehlchen vorzieht, seine Nahrung etwas später oder eben früher einzunehmen. Ganz anders verhält es sich mit einem anderen Besucher am Vogelfutterhaus, dem Kleiber. Dieser Geselle sorgt auf unverkennbare Weise sehr offensiv dafür, dass er in Ruhe seine Mahlzeit einnehmen kann (siehe Video 3).
Sobald Freund Kleiber die heiligen Hallen betritt, verlassen alle anderen Art- und Zeitgenossen den Raum und warten in den Zweigen der nachbarschaftlichen Hecke ungeduldig darauf, dass dieser Rockertyp endlich den Speiseraum wieder verläßt. Besonderen Mut zeigt eine der Kohlmeisen, als sie sich bis auf die Sitzstange vor einem der Eingangsöffnungen wagt, wohl um nachzusehen, ob der Fiesling bald fertig ist. es reicht aber bereits ein strenger Blick vom "Zwergspecht", um Herrn Kohlmeise das Mütchen zu kühlen. Der zum Ende der Videosequenz angekommenen Blaumeise fährt offensichtlich ebenfalls der Schreck in die Glieder, als sie der Anwesenheit von Meister Kleiber gewahr wird. Doch jeder Superheld oder -ganove findet irgendwann seinen Meister. In Video 4 gibt sich erstmalig Meister Blackbird ein Stelldichein. Und schon ergibt sich eine neue Hackordnung: Kohlmeise duldet Blaumeise, fordert aber Respekt von ihr, Kleiber vergrault Kohlmeise und Blaumeise während er beim Eintreffen der Amsel freiwillig das Weite sucht.
Bis hierher kann man erkennen, dass in den meisten Fällen die Größe der einzelnen Arten erheblichen Einfluß auf die Hackordnung hat. So wird die Blaumeise von den nur ein wenig größeren Kohlmeisen gedultet, man erkennt aber einen gewissen Respekt auf Seiten der Blaumeisen. Die Amsel wiederum wird von allen anderen bisher vorgestellten Arten respektiert. Einzig der Kleiber bildet hier eine kleine Ausnahme. In Größe und Gestalt durchaus mit der Kohlmeise vergleichbar zieht er die ihm entgegengebrachte Achtung in erster Linie aus seinem offensiven, wenn nicht gar aggresiven Verhalten den anderen Arten gegenüber. Ein weiterer Beleg für diese vorläufige Feststellung bezüglich der Ursachen für dei Hackordnung kann man in Video 5 erkennen. Hier fressen Blaumeise und Tannenmeise, beide etwa gleich groß, friedlich und ohne Aufregung nebeneinander.
Etwas anders verhält es sich mit unserem nächsten Besucher, dem Kernbeißer (Video 6). Sein Erscheinen am Futterhaus führt, ähnlich wie beim Kleiber, zu einer repektvollen Distanzierung der anderen Gäste. Während dieser jedoch den kleineren Arten gegenüber allein durch seine Statur, er ist deutlich größer als Kohlmeise und Co, imponiert gelingt es ihm, die deutlich größere Amsel auf Abstand zu halten. In diesem Fall allerdings läßt das Männchen der Amsel gegenüber deutlich erkennen, dass sie unerwünscht ist.
Weitere Arten, wie die Heckenbraunelle und der Buchfink, bevorzugten wie das Rotkehlchen für ihre Besuche Zeiten, an welchen keine anderen Gäste anwesend waren. Obwohl nicht gerade von zierlicher Statur und darüber hinaus erkennbar wehrhaft bevorzugt auch der Buntspecht Besuchszeiten, die abseits des Massenansturms liegen (Video 7).
Unser mit Abstand größter und überraschendster Gast bevorzugte allerdings Zeiten, an denen er weder von gefiederten Zeitgenossen noch von uns Menschen gestört wird. Dabei kamen mir in den letzten Wochen einige Dinge seltsam vor. Da war zum Beispiel der Zustand des Futterhauses in den Morgenstunden. Während ich mich zu Beginn meiner Futterakti-vitäten immer etwas über die Menge an Haferflocken geärgert habe, die offensichtlich von allen Arten mehr oder weniger verachtet wurden und somit meist ziemlich aufwändig beseitigt werden mussten, war mit einemal das Häuschen wie blankgebohnert. Keine Krümmel, nicht einmal Schalen von Sonnenblumenkernen, waren da mehr zu finden. Es war, als ob die berühmten Mainzelmännchen ein Einsehen mit meinen Nöten gefunden hatten und sich nächtens an die Reinigung des Futterhauses gemacht hätten.
Bei der Lösung dieses Problems kam mir dann eine Wildcamera sehr gelegen. Ich wollte, nein ich musste wissen, was da vor sich ging. Selbstverständlich war es mir nur Recht, dass ich diese Reinigungsarbeiten nicht mehr zu erledigen hatte. Nun musste ich nur noch morgens den Tank für das Futter auffüllen, bestenfalls vorher noch ein wenig ausfegen und gut war es. Also installierte ich die Wildcamera so, dass ich das gesamte Futterhaus im Blick hatte, stellte die Bewegungssensoren auf sehr empfindlich und die Aufnahmedauer bei jeder Auslösung auf maximal 30 Sekunden. Und dann hieß es Warten! Das erste, was ich am nächsten Morgen machte, war ausnahmsweise einmal nicht das Aufsetzen des Kaffee's sondern der Aufruf der App auf dem Handy. Und ich staunte nicht schlecht, als ich den putzigen Gesellen entdeckte, der sich über die Reste des Vortag's hermachte (Video 8). Ich hatte mir schon lange gedacht, dass die Waschbären mittlerweile auch bei uns ansäßig geworden waren, gesehen hatte ich jedoch noch nie einen. Und nun war es amtlich. Die Panikmache um diesen Waldbewohner will sich mir allerdings nicht ganz erschließen. Alle Unkenrufe, beispielsweise von der bedrohten heimischen Vogelwelt, haben sich bisher als eben das erwiesen, was sie sind: Unkenrufe. Und was den Zeitgenossen ansonsten noch nachgesagt wird, das Plündern von Mülltonnen, das Eindringen in Häuser und so weiter und so fort, kann ich unmöglich bestätigen. Denn wenn dem so wäre, dann hätte ich wohl kaum eine Kamera aufstellen müssen, um von ihrer Existenz zu erfahren. Möglicherweise liegt dies aber auch daran, dass meine Wohnung von Wald umgeben ist, und der kleine Racker nicht auf meine Wohnräume angewiesen ist. Wie dem auch sei. Für mich sind es Zeitgenossen, und damit berechtigt in meiner Welt und in meiner Zeit zu leben. Wir Menschen sehen alles, was aus der Natur kommt schnell als "Schädling" an; nur einen nicht, den schlimmsten Schädling für die Natur: den Menschen.